Die Sammlung des Göttinger Seminars für Ägyptologie und Koptologie

Die 73 altägyptischen Objekte, die sich seit dem Jahr 1997 als Dauerleihgaben in der Sammlung des Göttinger Seminars für Ägyptologie und Koptologie befinden, wurden zwischen 1881 und 1887 von Emilie Ronath in Ägypten erworben und waren 1939 in den Besitz des damaligen Instituts für Völkerkunde übergegangen (heute: Institut für Ethnologie und Ethnologische Sammlung). Sie wurden im Jahr 2005 im „Katalog der Aegyptiaca der Völkerkundlichen Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen“ von Barbara Böhm erfasst. Seit 2017 ist ein Großteil der Stücke in die Göttinger Sammlungsdatenbank integriert.

Die Göttinger Aegyptiaca haben sich also zu Händels Zeiten noch gar nicht in Europa befunden. Doch die Auswahl, die wir für dieses virtuelle Kabinett vorgenommen haben, findet ihre Gegenstücke im „papiernen Museum“ von Bernard de Montfaucon. Diese Objekte geben einen Eindruck davon, welche Hinterlassenschaften der altägyptischen Kultur bereits im Europa des 18. Jahrhunderts wahrgenommen werden konnten.

Sachmet

Abb. 2.1.

Bei diesem 2,55cm hohen Fayence-Anhänger handelt es sich um eine Figur der löwenköpfigen Göttin Sachmet. Das Stück wird grob in die ägyptische Spätzeit (664–332 v.Chr.) datiert.

Der Name der Göttin kann als „die Mächtige“ übersetzt werden. In altägyptischen Erzählungen ist Sachmet eine wütende, zerstörende Gottheit, deren Kräfte vor allem in der Heilkunst angerufen wurden. Priester der Sachmet werden aufgrund ihrer Tätigkeitsbereiche nach heutigem Verständnis auch als Mediziner aufgefasst. Ihr besonderer Einsatzbereich war die Abwehr von Seuchen. Für die Pharaonen war die Kampfeslust dieser Göttin eine Qualität, die sie zum Schutz des Landes gegen Angriffe von außen anriefen.

Figuren der Sachmet könnten insbesondere in der Ausstattung von Aufführungen der Händel-Oper „Berenice“ eingesetzt werden, um die Bedrohung der Einflussnahmen von außen zu symbolisieren.

Udjat

Abb. 2.2.

Dieser Anhänger aus Fayence in Form eines „Udjat“-Auges hat eine Höhe von 1,5cm. Es wird in die Zeit der 25./26. Dynastie (ca. 747–525 v.Chr.) datiert, also in das letzte Jahrtausend vor Christus und damit auch in eine Zeit, die nur wenige Jahrhunderte vor den Ptolemäern liegt, von denen Händels Opern handeln.

Das ägyptische Wort „Udjat“ bedeutet „das Unversehrte“. In einer altägyptischen Erzählung war das „Udjat“-Auge das von dem Gott Seth im Streit um das Erbe des Osiris verletzte und durch den Gott Thot geheilte Auge des Gottes Horus. Die altägyptischen medizinisch-magischen Texte geben mitunter Handlungsanweisungen zum Umgang mit Amuletten dieser Form, um mit Hilfe des göttlichen Präzedenzfalls auch Heilung für die menschlichen Patienten zu bewirken. 

Das „Udjat“-Auge spielte auch in der Ptolemäerzeit (332–30 v.Chr.) noch eine sehr wichtige Rolle, wie unter anderem über die Inschriften an den Wänden des Horus-Tempels von Edfu nachvollziehbar ist. Für die Aufführung der ptolemäischen Opern von Händel würde ein solches Amulett daher eine sehr gut zur Zeit passende Requisite sein.

Heh

Abb. 2.4.

Dieser Fayence-Anhänger ist 1,43cm hoch und zeigt das Zeichen „Heh“, das in der altägyptischen Sprache für eine sehr große Quantität stand, im Gebrauch vor allem für eine hohe Anzahl von Jahren der Existenz, für Erhalt und Dauer also. Als Amulett wird es ebenfalls in Ritualtexten genannt, auch unmittelbar zusammen mit einem „Udjat“-Auge, etwa im sog. „Königsritual“ auf dem Papyrus Brooklyn 47.218.50, der vermutlich von Elephantine kommt und in das 6. Jh. v.Chr. datiert wird.

Thoeris

Abb. 2.5.

Dieses Fayence-Figürchen ist 3cm hoch und stellt wahrscheinlich die Göttin Thoeris („Ta-Weret“, die Große) dar, deren Darstellung sich durch einen Krokodilschwanz am Rücken, einen fülligen Bauch, spitz zulaufend herab hängende Brüste und einen Nilpferdkopf auszeichnet. Es könnte in einem Zeitraum zwischen der 18. Dynastie des Neuen Reiches (ca. 1550–1295 v.Chr.) und der Ptolemäerzeit (332–30 v.Chr.) entstanden sein, wahrscheinlich aber in der Spätzeit (664–332 v.Chr.).

Wie schon das „Udjat“-Auge ist auch diese Gottheit in die Erzählung vom Streit zwischen Horus und Seth involviert: Sie hat Horus vor Seth beschützt. Ihre Bildnisse wurden in der medizinischen Praxis vor allem zum Schutz von Schwangeren und Gebärenden eingesetzt. In ptolemäischer Zeit wurde ihre Figur mit vermutlich apotropäischer Funktion in Relief auf den Außenwänden der Tempel dargestellt, so etwa wiederum im Fall des Tempels von Edfu. Ihre Gestalt könnte daher in der Ausstattung einer Aufführung der „ptolemäischen“ Opern von Händel sehr gut zur Zeit passend eingesetzt werden.

Katze

Abb. 2.6.

Diese Katzenfigur ist 1,87cm hoch und aus Fayence gefertigt. Amulette in Form von Katzen sind häufig belegt, doch diese weisen Ösen oder Durchbohrungen des Körpers zur Befestigung auf. Auch die Haltung dieser Katze weicht von denen der Amulett-Katzen ab: Anstatt aufrecht mit gestreckten Vorderbeinen und den Blick nach vorne gerichtet, ist diese Katze mit eingeknickten Vorderbeinen und zur Seite gedrehtem Kopf dargestellt. Vergleichsstücke zu diesem Göttinger Objekt werden in die Spätzeit bis Römische Zeit (ca. 664–395 n.Chr.) datiert.

Im Alten Ägypten wurden Katzen als eine Form der Göttin Bastet gesehen; der Hauptkultort dieser Göttin war Bubastis. Die Beschreibung eines rauschenden Festes für Bastet ist von Herodot überliefert:

Herodot II, 60:
Die Festfeier in Bubastis verläuft folgendermaßen. In einzelnen Baren kommen sie dahergefahren, eine große Menge Volks, Männer und Frauen durcheinander. Manche Frauen haben Klappern, mit denen sie rasseln, manche Männer spielen während der ganzen Fahrt die Flöte, und die übrigen Frauen und Männer singen und klatschen dazu in die Hände. Kommen sie auf ihrer Fahrt an einer Stadt vorüber, so lenken sie die Baris ans Ufer und tun folgendes. Einige Frauen, wie gesagt, klappern mit den Klappern, andere rufen die Frauen jener Stadt an und verspotten sie, wieder andere tanzen, wieder andre stehen auf und entblößen sich. Das wiederholt sich bei jeder am Strome liegenden Stadt.
Sobald sie in Bubastis angelangt sind, beginnt das Fest unter großen Opfern, und Wein wird an disem Fset mehr verbraucht als in dem ganzen übrigen Jahre. Die Zahl der Zusammenkommenden, Männer und Frauen, die Kinder nicht eingerechnet, beträgt, wie man dort versichert, gegen siebenhunderttausend Menschen.“
Zitiert nach: Haussig, H. W., Herodot. Historien. Stuttgart 1971.

Uschebti

Abb. 2.8.

Diese Figur ist 20,05cm hoch und aus Fayence gefertigt. Es handelt sich um ein „Uschebti“, wie an der Mumiengestalt, den in den überkreuzten Händen gehaltenen Geräten für den Ackerbau und einer für diese Objektgattung typischen Inschrift zu erkennen ist. Die altägyptische Bezeichnung lässt sich auf das Wort für „antworten, (sich) einsetzen für“ zurückführen.
Die Inschrift nennt Namen und Titel des Verstorbenen, für den diese Figur angefertigt wurde, sowie den Namen seiner Mutter. Der auf diese Angaben folgende Text beauftragt die Uschebtis, sich zu melden und an die Stelle des Verstorbenen zu treten, wenn dieser im Jenseits zur Feldarbeit aufgerufen werden sollte.

Dieser Uschebti wird in die 26./27. Dynastie (664–404 v.Chr.) datiert.

"Mixtura bituminosa"

Abb. 2.10.

Mumien selbst waren zu Händels Zeiten übrigens mehr noch Objekte des Gebrauchs als des Betrachtens. Teile von ihnen wurden zu medizinischen Zwecken verwendet, so wie der Inhalt dieser runden Schachtel. Sie wurde von Johann Friedrich Blumenbach inventarisiert, der sie 1779 in die Göttinger Akademische Sammlung aufgenommen hat. Auf dem Etikett steht „Mixtura bituminosa ex eranis mumiae Aegyptiaiae. von Aegypten“.

Dieses Objekt befindet sich heute in der Anthropologischen Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen.

Osiris

Abb. 2.11.

Diese Bronzefigur ist 12,21cm hoch und wird in die ägyptische Spätzeit (664–332 v.Chr.) datiert.
Auch bei diesem Objekt handelt es sich um eine mumiengestaltige Figur, doch in den Details unterscheidet sie sich stark von den Uschebtis. Die überkreuzten Hände halten Geißel und Krummstab, wobei es sich um altägyptische Herrschaftssymbole handelte. Der Kopf trägt eine „Atef“-Krone, die die „Weiße Krone“ Oberägyptens mit Straußenfedern und der „Uräus“-Schlange kombiniert. Insgesamt weisen all diese Attribute die Figur als Darstellung des Gottes Osiris aus.

Krone

Abb. 2.13.

Bei der Krone handelt es sich um eine Kombination von Widderhörnern, Straußenfedern und der Sonnenscheibe.
Das Stück ist aus Holz gefertigt, stuckiert und bemalt. Es misst 17,15cm Höhe und wird in einen groben Zeitrahmen vom ägyptischen Neuen Reich (ca. 1550–1069 v.Chr.) bis in die Spätzeit (664–332 v.Chr.) datiert. Vermutlich bekrönte es einst den Kopf einer Ptah-Sokar-Osiris-Statuette, also einer synkretistischen Verbindung des Gottes Osiris mit anderen Gottheiten.

stillende Isis

Abb. 2.15.

Diese Statuette, 20,40cm hoch und aus Bronze gefertigt, zeigt die ihren Sohn Horus stillende Göttin Isis. Sie wird Vergleichsstücken nach zu urteilen im Rahmen zwischen der 3. Zwischenzeit (ca. 1069–664 v.Chr.) und der Spätzeit (664–332 v.Chr.) der Ägyptischen Geschichte hergestellt worden sein.

Die Statue im „Tempel der Isis“ aus dem Libretto von „Berenice“, wird als großes Standbild bezeichnet und in den Aufführungen zu Händels Zeiten wahrscheinlich nach einer klassisch antiken Statue ausgesehen haben – leider gibt es dafür jedoch keine bildlichen Belege.

stillende Isis

Abb. 2.18.

Dieses Fayence-Amulett ist 2,17cm hoch und wird in die ägyptische Spätzeit (664–332 v.Chr.) datiert. Dargestellt ist auch hier eine ihren Sohn Horus stillende Göttin Isis. Hierbei handelte es sich zu pharaonischen und nachpharaonischen Zeiten um ein sehr beliebtes Motiv.

In der Aufführung der „ptolemäischen“ Opern könnte ein Amulett der sitzenden und dabei stillenden Isis in der Ausstattung eingesetzt werden, um die starken Frauenrollen in Händels Libretti und Kompositionen zu unterstreichen. Denn mit diesem unschuldig wirkenden Bild sind große Heldinnentaten der Witwe des Gottes Osiris, die für das Erbe des Sohnes und Gerechtigkeit kämpfte, zu verbinden.

Skarabäus

Abb. 2.19.

Dieser Skarabäus ist 1,38cm lang und aus Steatit gefertigt. Das Stück weist Glasurreste auf. In die Unterseite wurde der Thronname von Thutmosis III. in versenkten Hieroglyphen geschrieben: Men-Cheper-Re, doch dies allein erlaubt keine Datierung in die Regierungszeit dieses Königs der 18. Dynastie des Neuen Reiches (ca. 1550–1295 v.Chr.), denn der Typ „Men-Cheper-Re-Skarabäus“ war in der Ramessidenzeit und noch bis in die ägyptische Spätzeit sehr beliebt.
Die Namensinschrift, bestehend aus den Hieroglyphen der Sonnenscheibe, eines Spielbrettes und eines Skarabäus, ist von jeweils einer Kombination aus einer Straußenfeder, dem Zeichen der Göttin Maat, und einer „Uräus“-Schlange, einer königlichen Schutzgottheit, flankiert.

Literatur

  • Böhm, B., Katalog der Aegyptiaca der Völkerkundlichen Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen 2005
  • Haussig, H. W., Herodot. Historien, Stuttgart 1971
  • Jaeger, B., Essai de classification et datation des scarabées Menkhéperrê, Fribourg, Göttingen 1982 (pdf)
  • Jaggi, R., Ägyptomanische Spaziergänge durch Paris. In: Kemet 2 (2006), 73-81 (pdf)
  • Lohwasser, A. (Hg.), Skarabäen des 1. Jahrtausends, Ein Workshop in Münster am 27. Oktober 2012, Orbis Biblicus et Orientalis 269, Fribourg, Göttingen 2014 (pdf)
  • Shaw, I., The Oxford History of Ancient Egypt, Oxford 2000

Abbildungsnachweise

  • Abb. 2.1. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 2000, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.2. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 2002c, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.3. Universitätsbibliothek Heidelberg, Montfaucon, B. de, L‘ antiquité expliquée et représentée en figures. Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata (Band 2,2): La religion des Egyptiens, des Arabes, des Syriens, des Perses, des Scythes, des Germains, des Gaulois, des Espagnols et des Carthaginois, Paris 1722, 324b, gemeinfrei (Quelle)
  • Abb. 2.4. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 2003k, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.5. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 1988, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.6. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 1997, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.7. Universitätsbibliothek Heidelberg, Montfaucon, B. de, L‘ antiquité expliquée et représentée en figures. Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata (Band 2,2): La religion des Egyptiens, des Arabes, des Syriens, des Perses, des Scythes, des Germains, des Gaulois, des Espagnols et des Carthaginois, Paris 1722, 288b, gemeinfrei (Quelle)
  • Abb. 2.8. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 2886, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.9. Universitätsbibliothek Heidelberg, Montfaucon, B. de, L‘ antiquité expliquée et représentée en figures. Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata (Band 2,2): La religion des Egyptiens, des Arabes, des Syriens, des Perses, des Scythes, des Germains, des Gaulois, des Espagnols et des Carthaginois, Paris 1722, 280f, gemeinfrei (Quelle)
  • Abb. 2.10. Anthropologische Sammlung der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. 54/2017, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.11. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 1979, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.12. Universitätsbibliothek Heidelberg, Montfaucon, B. de, L‘ antiquité expliquée et représentée en figures. Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata (Band 2,2): La religion des Egyptiens, des Arabes, des Syriens, des Perses, des Scythes, des Germains, des Gaulois, des Espagnols et des Carthaginois, Paris 1722, 290b, gemeinfrei (Quelle)
  • Abb. 2.13. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 392, CC-BY-SA, Fotografische Aufnahme von Martin Liebetruth
  • 2.14. Universitätsbibliothek Heidelberg, Montfaucon, B. de, L‘ antiquité expliquée et représentée en figures. Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata (Band 2,2): La religion des Egyptiens, des Arabes, des Syriens, des Perses, des Scythes, des Germains, des Gaulois, des Espagnols et des Carthaginois, Paris 1722, 280h, gemeinfrei (Quelle)
  • Abb. 2.15. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 390, CC-BY-SA, Fotografische Aufnahme von Martin Liebetruth
  • Abb. 2.16. Universitätsbibliothek Heidelberg, Montfaucon, Bernard de, L‘ antiquité expliquée et représentée en figures. Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata (Band 2,2): La religion des Egyptiens, des Arabes, des Syriens, des Perses, des Scythes, des Germains, des Gaulois, des Espagnols et des Carthaginois, Paris 1722, 280d, gemeinfrei (Quelle)
  • Abb. 2.17. Universitätsbibliothek Heidelberg, Montfaucon, B. de, L‘ antiquité expliquée et représentée en figures. Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata (Band 2,2): La religion des Egyptiens, des Arabes, des Syriens, des Perses, des Scythes, des Germains, des Gaulois, des Espagnols et des Carthaginois, Paris 1722, 282b, gemeinfrei (Quelle)
  • Abb. 2.18. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 1994, CC-BY-SA (Quelle)
  • Abb. 2.19. Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Inv.Nr. Af 2015, CC-BY-SA (Quelle)
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Abb. 1.2.1.

Zeichnung einer Statuette der löwenköpfigen Göttin Sachmet in der Villa Borghese in Rom, aus dem Reisetagebuch von Bernard de Montfaucon aus dem Jahr 1702.
Die Statuette wird heute mit der Inventarnummer 4535 im Louvre, Paris, aufbewahrt. Sie ist aus grauem Granit gefertigt, 66cm hoch und wird in die 26. Dynastie (664–525 v.Chr.) datiert.

Abb. 2.3.

Im Vergleich ist zunächst festzustellen, dass Montfaucon das von ihm dokumentierte „Udjat“-Auge auf den Kopf gestellt wiedergegeben hat. Von dem altägyptischen Zeichenwert dieses Auges konnte er noch nichts wissen.

Die Quellenangabe „N.Cabinet“ steht für „Notre Cabinet“, womit vermutlich das Kabinett des Klosters St. Germain-des-Prés in Paris gemeint ist, in dem Montfaucon seit 1694 Kurator der Münzsammlung war. Zur Frage danach, wie die Aegptiaca in dieses Kabinett gelangt sind, ist die Annahme von Interesse, dass es in römischer Zeit am Ort der Kirche St. Germain-des-Prés einen Isis-Tempel gegeben haben soll.

Die hier in der Tafel abgebildeten Kleinobjekte bezeichnete Montfaucon im Text des Bandes als: „petites images monstrueuses de terre cuite, que l’on trouve en grande quantité dans l’Egypte avec les Mumies“, also „kleine gräßliche Bildnisse aus Terrakotta, die man in Ägypten in großer Anzahl bei den Mumien findet“. Das „Udjat“-Auge fasste er unter den Formen, die er für „tout-à-fait bizarres“, also „ganz und gar merkwürdig“ hielt. Er beschloss „nous nous dispensons de les chiffrer“, dass er sich also von der Pflicht enthoben sah, diese Formen zu entschlüsseln.

Abb. 2.3.

Auf der Tafel von Montfaucon sind neben dem „Udjat“-Auge drei „Heh“-Amulette abgebildet – doch es scheint, als sei ihr Bildwert, ein hockender Mann mit erhobenen Armen, nicht erkannt worden.

Abb. 2.3.

Unter den „gräßlichen“ Figürchen, die Montfaucon auf seiner Tafel 135 abgebildet hat, ähnelt mindestens eine diesem Fayence-Figürchen der Göttinger Sammlung. 

Abb. 2.7.

Katzenfiguren waren zu Händels Zeiten als Aufsätze auf Sistren bekannt. Von diesen Metallobjekten wusste bereits Montfaucon, dass es sich um altägyptische Musikinstrumente handelte. Im Text zu der Tafel schrieb er, dass ein Sistrum vor allem ein Symbol der Göttin Isis gewesen sei. Plutarch habe beschrieben, dass die aufgesetzten Katzenfiguren menschliche Gesichter hätten – doch Montfaucon kannte kein solches Exemplar.

In der Aufführung einer ptolemäischen Händel-Oper können Sistren nicht als Musikinstrumente eingesetzt werden, da diese nicht mit in die Kompositionen geschrieben wurden. Aber in der Ausstattung könnten Katzenfiguren wie das Göttinger Fayence-Objekt durchaus als Einlage zur Verzierung von Möbeln oder Instrumenten verwendet werden, um die Formensprache der Ptolemäer, wie sie zu Händels Zeiten bereits bekannt war, aufzugreifen.

Abb. 2.9.

Montfaucon kannte die Bedeutung der Uschebti noch nicht, die Inschriften konnten zwar sehr genau kopiert, aber noch nicht gelesen und verstanden werden. Er erkannte bereits ihre Gestalt als mumienförmig und wusste schon, dass sie in Gräbern an den Orten gefunden wurden, wo auch die Mumien waren. Allerdings hielt er sie für Abbildungen von Gottheiten, wobei er zuerst Isis nennt und die hier abgebildete Auswahl der Isis zuwies. Damit wird deutlich, dass auch die altägyptischen Darstellungskonventionen noch unbekannt waren, denn lange Haare waren im Alten Ägypten keine ausschließlich weibliche Frisur.
Die hieroglyphischen Inschriften der oberen Reihe sind zwar nicht vollständig lesbar, aber die sichtbaren Zeichen lassen sich vergleichsweise gut identifizieren.

Abb. 2.12.

Eine sehr ähnliche Figur aus dem Kabinett, dessen Kurator Montfaucon selbst war, hat er auf dieser Tafel oben links unter der „1“ abgebildet. Er hat sie bereits zutreffend als „Osiris“ identifiziert, allerdings zusammen mit weiteren Götterfiguren, bei denen es sich nach heutigem Wissen, den jeweils unterschiedlichen Attributen nach zu urteilen, um andere Gottheiten handelt.

Bei der zweiten Figur, die eine Mondscheibe mit Mondsichel auf den Kopf trägt, eine Jugendlocke an der Seite vom Kopf trägt und bestimmte Insignien (Geißel, Krummstab und „Was“-Zepter) in den Händen vor dem Körper hält, handelt es sich sehr wahrscheinlich um den Gott Chons.

Bei der dritten Figur mit dem kahlen Schädel bzw. der enganliegenden Haube und dem vor dem Körper gehaltenen Stab, wird es sich um den Gott Ptah handeln.

Die weiteren drei Figuren im unteren Bereich sind aufgrund der stärker abstrahierenden Darstellungsweise nicht klar identifizierbar, aber es wird sich sehr wahrscheinlich nicht um altägyptische Darstellungen von Osiris handeln.

Abb. 2.14.

Eine „Swtj“-Krone („Schuti“ ausgesprochen) ist auch unter den Abbildungen zu finden, die Montfaucon der Göttin Isis zugeschrieben hat. Anhand dieser Darstellung kann man sich auch die Verbindung des Göttinger Stückes mit einer entsprechenden Figur des Gottes Osiris vorstellen.

Das hier gezeichnete Stück hat Montfaucon im Katalog des „Museaum Kircherianum“ von Filippo Bonanni aus dem Jahre 1709 gefunden – es hatte sich also in der Sammlung von Athanasius Kircher in Rom befunden.

Abb. 2.16.

Isis war im frühen 18. Jahrhundert sehr gut bekannte Gottheit des Alten Ägypten. Montfaucon wies ihr eine Vielzahl an Bildnissen zu, die teilweise nach heutigem ägyptologischen Kenntnisstand gar nicht als weibliche Figuren zu verstehen sind, geschweige denn als Göttinnen. Die Identifizierung der stillenden Frau als Isis basierte sehr wahrscheinlich auf der Überlieferung ihrer Rolle als Mutter von Horus, die sich für sein Leben und Anerkennung als Erbe des Osiris einsetzte, in Plutarchs Werk „De Iside et Osiride“.

Abb. 2.17.

Auf dieser Tafel hat Montfaucon neben den beiden Figuren der stillenden Isis fälschlich auch die Statue eines sitzenden Mannes mit einer Statuette des Gottes Ptah zwischen den angewinkelten Beinen als eine Darstellung der Isis mit Horus gedeutet.

Abb. 2.3.

Auf der Tafel 135, die hier schon mehrfach zum Vergleich gezeigt wurde, sind auch zwei Skarabäen abgebildet. Der eine stammt aus der Sammlung von Nicolas-Joseph Foucault und trägt eine 12-zeilige Inschrift und der andere aus der Sammlung, die Montfaucon selbst kurierte. Mit diesen Skarabäen wären die Kabinette zahlreich bestückt, schreibt Montfaucon auf Seite 322. Der Überlieferung von Porphyrios durch Eusebius folgend hätten die Ägypter die Käfer verehrt, weil die Männchen ihre Samen als Kugeln mit den Hinterbeinen rollten, und dies in ihrer Vorstellung den Sonnenlauf nachgeahmt hätte.

Die Inschrift auf der Unterseite des ersten Skarabäus ist nicht lesbar, aber es könnte sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um den Spruch 30B des Totenbuches gehandelt haben, nach dem das Herz des oder der Verstorbenen vor dem Totengericht nicht gegen diese Person aussagen sollte.

In der Darstellung auf der Unterseite des zweiten Skarabäus sah Montfaucon zwei Personen, er vermutete Priesterinnen, die einen zentralen Käfer mit ausgestreckten Beinen anbeteten. Oberhalb des Käfers sind noch zwei weitere Zeichen zu erkennen, aber nicht genau zu identifizieren, und auch Montfaucon gab keine Vermutung dazu ab.

Die Oberseiten beider Skarabäen unterscheiden sich deutlich von dem Göttinger Stück darin, dass sie keine „V“-Verzierungen an beiden Seiten der Linie zwischen Rücken und Rückenschild aufweisen.