Julius Caesar hatte seinerzeit den Julianischen Kalender von Ägypten nach Europa mitgebracht und dieser Kalender wurde in Großbritannien erst 1752 durch den Gregorianischen ersetzt, der in Händels Geburtsstadt jedoch schon seit 1700 galt. Es gab für die Zeit der Händelschen Opern eine Differenz von 11 Tagen zwischen den Daten in London und Halle.

Im Jahr 1714 wurden zwei Statuen ptolemäischer Herrscher in Rom entdeckt, die die Aufmerksamkeit auf Ägypten verstärkt haben werden. Den Zeitgenossen Händels, die auf der Basis der Schriften der griechisch-römischen Autoren über diese Dynastie am besten informiert waren, war allerdings nicht einmal bewusst, dass es sich hierbei um Ptolemäer handelte.

Im Unterschied zu allen seinen vorherigen Opern hat Händel in die Handlung von „Tolomeo, Re di Egitto“ (HWV 25) Elemente der „arkadisch-heroischen Pastorale“ eingebaut. Interessanterweise gibt es das Motiv von Liebenden, die von anderen begehrt und voneinander getrennt werden, die ihr Äußeres verändern, ihre Identität verbergen, auch in den altägyptischen literarischen Quellen. Sogar die Szenerie vom einfachen Hirtenleben, von Begegnungen der Liebenden am Fluss, gab es in der Liebesdichtung des Alten Ägypten. All diese Texte jedoch waren im 18. Jahrhundert noch gar nicht bekannt.

Bei dem Papyrus, der mitunter als dekorative Abbildung in Literatur zur Oper „Berenice“ (HWV 38) verwendet wird (oben, Abb. 7.1. und 7.2.), handelt es sich um eine moderne Kopie, wie man sie heutzutage in Ägypten als Andenken erwerben kann. Das Vorbild für die Darstellung war sehr wahrscheinlich ein Relief aus der Zeit Ramses II. (ca. 1279–1213 v.Chr.) in einem seiner Tempel, dem sog. „Ramesseum“ auf der Westseite Thebens (unten, Abb. 7.3.).

Die Kopie ist sehr genau, hat jedoch auf die Wiedergabe der hieroglyphischen Beischriften verzichtet. Dass es sich bei dem Motiv ganz sicher nicht um eine Darstellung der zwei Ptolemäerinnen „Berenice“ und „Selene“ bei einer zeremoniellen Ankleidung handelt, wird allerdings nicht nur aufgrund der hieroglyphischen Beischriften im Original, sondern auch anhand der Analyse der Ikonographie deutlich: Der Pharao sitzt unter dem Isched-Baum, während der Gott Atum, die Göttin Seschat und der Gott Thot seine Namen auf die Blätter des Baumes schreiben, womit sie ihm eine lange, erfolgreiche und erinnerungswürdige Regierungszeit gewährten.

In der Literatur (Abb. 7.4.) werden die geschichtlichen Hintergründe von „Tolomeo, Re di Egitto“ (HWV 25) mitunter falsch wiedergegeben. Dieser Ptolemaios ist nicht der Sohn von Kleopatra und Caesar, auch nicht der Gegenspieler aus jener Geschichte. Zudem ist der Ort der Handlung nicht Sizilien, wie mitunter geschrieben wird, sondern Zypern.

Literatur

  • Göttinger Händel-Gesellschaft, Berenice (HWV 38), Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel, Internationale Händel-Festspiele Göttingen, Göttingen 2016
  • Lepsius, C.R., Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Nach den Zeichnungen der von Seiner Majestät dem Könige von Preussen Friedrich Wilhelm IV nach diesen Laendern gesendeten und in den Jahren 1842–1845 ausgeführten wissenschaftlichen Expedition, Abt. III, Band VI, Berlin 1849–1859
  • Middleton, A.L., Ptolemaic Statue Group in the Museo Gregoriano Egizio: Egyptian monuments, Roman Propaganda, Papal Intent. In: Aegyptiaca. Journal of the History of Reception of Ancient Egypt 2 (2018), (pdf)
  • Scheibler, A., Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opernführer Köln 1995
  • Schneider, H., Wiesend, R. (Hgg.), Die Oper im 18. Jahrhundert, Geschichte der Oper, Band 2, Laaber 2006
  • Shaw, I., The Oxford History of Ancient Egypt, Oxford 2000

Abbildungsnachweise

  • Abb. 7.1. Umschlag des Librettos zu den Internationale Händel-Festspiele Göttingen im Jahr 2016
  • Abb. 7.2. Scheibler, A., Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opernführer Köln 1995, 224
  • Abb. 7.3. SUB Göttingen, Lepsius, C.R., Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Nach den Zeichnungen der von Seiner Majestät dem Könige von Preussen Friedrich Wilhelm IV nach diesen Laendern gesendeten und in den Jahren 1842–1845 ausgeführten wissenschaftlichen Expedition, Abt. III, Band VI, Berlin 1849–1859, 169, Fotografische Aufnahme von Martin Liebetruth
  • Abb. 7.4. Auszüge aus Scheibler, A., Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opernführer Köln 1995, 687–688

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Abb. 2.7.

Katzenfiguren waren zu Händels Zeiten als Aufsätze auf Sistren bekannt. Von diesen Metallobjekten wusste bereits Montfaucon, dass es sich um altägyptische Musikinstrumente handelte. Im Text zu der Tafel schrieb er, dass ein Sistrum vor allem ein Symbol der Göttin Isis gewesen sei. Plutarch habe beschrieben, dass die aufgesetzten Katzenfiguren menschliche Gesichter hätten – doch Montfaucon kannte kein solches Exemplar.

In der Aufführung einer ptolemäischen Händel-Oper können Sistren nicht als Musikinstrumente eingesetzt werden, da diese nicht mit in die Kompositionen geschrieben wurden. Aber in der Ausstattung könnten Katzenfiguren wie das Göttinger Fayence-Objekt durchaus als Einlage zur Verzierung von Möbeln oder Instrumenten verwendet werden, um die Formensprache der Ptolemäer, wie sie zu Händels Zeiten bereits bekannt war, aufzugreifen.